escape small
header
Er erinnerte sich an jenen Nachmittag im Juli, als es ihm bewusst geworden war. Es war einer dieser unerträglich heißen Sommertage, aber die Hitze machte ihm nicht viel aus. Er saß im Park am Königlichen See, in Schweiß gebadet. Vor ihm hocken ein paar Tauben, die Köpfchen eingezogen, zu erschöpft zum Turteln. Er schaute aufs Wasser und träumte von Mi Mi. Zum ersten Mal fühlte er bei dem Gedanken an sie nicht diese lähmende, jede Lebenslust zermürbende, alles verschlingende Sehnsucht. Keine Angst. Nicht einmal Trauer. Er wusste, dass er Mi Mi mehr liebte denn je, aber seine Liebe zehrte ihn nicht auf. Nicht mehr. Sie fesselte ihn nicht. Nicht ans Bett, nicht an einen Baumstumpf. Sie machte ihn nicht schwächer.
Als es zu regnen begann, schloss er die Augen. Ein kurzer, aber heftiger Schauer. Als er die Augen wieder öffnete, war die Dämmerung hereingebrochen. Er stand auf, ging ein paar Schritte und spürte am ganzen Körper, dass sich etwas verändert hatte. Als wäre er gewachsen. Eine Last war von ihm gefallen, er war frei. Er erwartete nichts mehr vom Leben. Nicht weil er enttäuscht war oder verbittert. Er erwartete nichts, weil es nichts Wichtiges mehr gab, dass ihm hätte zufallen können. Alles Glück, das ein Mensch finden kann, besaß er. Er liebte, und er wurde geliebt. Bedingungslos.
Er sprach den Satz aus, leise, seine Lippen bewegten sich kaum: Ich liebe und werde geliebt.
Das war alles. So einfach war es, so kompliziert.
Er war sich seiner und Mi Mis Liebe so sicher, wie er sich seines Körpers sicher war. Niemand würde ihm dieses Glück je nehmen können. So lange er atmete, würde er sie lieben und von ihr geliebt werden. Auch wenn Mi Mi zwei Tagesreisen entfernt lebte. Auch wenn sie seine Briefe nicht beantwortete und er jede Hoffnung aufgegeben hatte, sie in den kommenden Jahre wiederzusehen. Auch wenn sie ihre Liebe nicht im Alltag teilen und sich nicht jeden Tag bestätigen konnten. Was er hatte, war mehr, als die meisten Menschen je in ihrem Leben finden würden. Er musste nur aufhören, noch mehr zu wollen. Er durfte nicht gierig sein. Gier macht blind und taub. Er schämte sich, dass er seinem Glück gegenüber so blind gewesen war.
Seit er das begriffen und akzeptiert hatte, wusste er, wie reich er beschenkt worden war. Er lebte nicht mehr in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Er genoss jeden Tag, als wache er neben Mi Mi auf und schliefe neben ihr ein.

[...]

Am nächsten Tag blieben die Schulen und die Teehäuser, ja selbst das Kloster leer, und es gab niemanden in Kalaw, der nicht wusste, was geschehen war. Unter die Trauer über Mi Mis Tod hatte sich seit den ersten Stunden des Tages eine gewisse Leichtigkeit gemischt. Sie war nicht ohne ihn gestorben. Ihr Warten war belohnt worden. Sie hatte sich nicht getäuscht. Er war zurückgekommen. Nach fünfzig Jahren. Es gab eine Macht, der weder Zeit noch räumliche Entfernung etwas anhaben konnten. Es gab eine Kraft, die Menschen verband und die stärker war als die Angst und das Misstrauen. Eine Kraft, die Blinde zu Sehenden macht und den Gesetzen des Verfalls nicht gehorcht. Es war das Einzige, an das die Menschen in Kalaw an diesem Tag glaubten.
Jan-Philipp Sendeker - Das Herzenhören
5.2.13 21:31
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de